Leben ohne Auto – Familienleben autofrei?

Wie ihr vielleicht mal in meinem kleinen „Über“ Artikel gelesen habt leben wir komplett autofrei.

Was das im Alltag bedeutet möchte ich hier ein wenig erläutern. Aber zunächst die Frage:

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Warum lebt ihr autofrei?

Nun, das ist nicht ganz freiwillig. Ich hatte schon immer schlechte Augen. Das war aber in meiner Jugend nie ein Thema, denn ich sehe einfach etwas schlechter. So schlimm wird das nicht sein und die Dimensionen waren auch nie so erkennbar. Ich hatte davon geträumt eines Tages einen Chevy Impala oder einen Cadillac Fleetwood zu fahren.

Für meine 17-jährigen Träume hätte es aber auch der alte Jaguar des Gebrauchtwagenhändler getan, in dessen Nähe wir wohnten oder jede verdammte andere Karre auf seinem Hof ;-).

Also ging ich voller Tatendrang zum Optiker meines Vertrauens und wollte einen Sehtest machen lassen. „ Bist du dir da sicher?“, entgegnete mir der Optiker.

„Na klar“

„Ok, probieren wir es. Aber ich glaube das wirst du nicht bestehen“.

Was bildet der sich ein? Natürlich schaffe ich das! Ich setze mich also vor ein kleines Gerät und schaue auf ein kleines Bild. „ Kannst du mir sagen was auf dem Heißluftballon steht?“. „ Was für ein Ballon denn? Da ist keiner. Nur eine Wiese und ääääh, doch da ist einer. Nein kann ich nicht“.

Der Optiker lehnt sich zurück und seufzt: „Ne René, wir brechen das hier ab. Das wird leider nichts mit einem Führerschein. Deine Augen sind zu schlecht“.

Das war natürlich erst einmal ein Schock! Ich werde nie Auto fahren dürfen? Tolle Wurst! In den anschließenden Wochen waren meine Mutter und ich dann noch in der Uniklinik Göttingen und haben meine Augen gründlich untersuchen lassen. Fazit auch hier im Gespräch: „Das mit dem Autofahren wird nichts werden“. Wieder einige Wochen später kam der Bescheid vom Versorgungsamt: 80 % schwerbehindert, der nächste Schlag in die Fresse!

Was bedeutet das für den Lebensmittelpunkt?

Klar ist, wenn man autofrei lebt (leben muss), kann man nicht aufs Dorf ziehen bzw. muss man sich genau im Klaren sein, dass alle möglichen Einrichtungen wie Supermärkte, Ärzte, Schulen, Behörden und natürlich die Arbeit gut zu Fuß, per Rad oder ÖPNV erreichbar sind. Das schwankt aber sehr von Stadt zu Stadt. Kleines Beispiel gefällig?

Ich habe bisher in drei Städten gelebt. Goslar (41K Einwohner), Veitshöchheim (Vorort von Würzburg, 9K Einwohner), Minden (82K Einwohner). Welcher dieser Städte hat wohl den schlechtesten ÖPNV? Richtig, die größte! In Minden fahren verhältnismäßig wenig Busse, dazu noch selten und schon gar nicht wenn es dunkel wird. Dafür kann man hier ganz gut Rad fahren, was auf Goslar eingeschränkt und auf Veitshhöchheim überhaupt nicht zutrifft. Dort gibt es kaum Radwege oder gar Ampelschaltungen extra für Radfahrer.

Wie ist es autofrei mit Kindern zu leben?

Da muss man natürlich andere Lösungen finden. Die Kinder können nichts für die Entscheidungen der Eltern und leiden sollen sie nicht darunter sonst wächst irgendwann der Neid auf SUV-kutschierte Altersgenossen. Also fahren wir viel Rad. Da meine Frau noch schlechtere Augen hat als ich, fällt Fahrrad fahren für sie aus. D. h. wir fahren meist mit Tandem und Kinderanhänger. Bin ich mit den Kids alleine unterwegs nehme ich das Lastenrad. Kommen dann noch Einkäufe dazu nehme ich alles mit in meinem großen Roland Hänger. Aber ganz autofrei geht es eben nicht immer mit Kindern. Sind die Kleinen mal krank und das Wetter ist miserabel, will man sie nicht unnötig quälen um zum Kinderarzt zu kommen. Da muss dann schon ab und zu das Taxi herhalten.

Und im Winter?

Heute ist es besonders kalt draußen, – 10 waren es heute Früh. Da kommt das autofreie Leben langsam an seine Grenzen. Man kann sich wunderbar kleiden gegen die Kälte. Pullover, Fleece Jacke, Winterjacke, Handschuhe, Sturmhaube und Mütze gehören dann zur Standardausrüstung.

Die Kälte ist nicht das Problem. Blöd wird es wenn es schneit und glatt wird. Da ist man auf zwei Reifen klar im Nachteil. Spikes habe ich schon mal aufgezogen. Das ist herrlich auf Schnee. Kommt man dann aber auf geräumte Straßen meint man man sitzt auf einem Panzer. Meist lohnt es sich aber nicht und die Zeit die ich aufwenden muss um die Spikes auf- und abzumontieren übersteigt meist die Fahrtzeit in der gesamten Winterperiode. Von 2013-2015 hatte ich ein dreirädriges Lastenrad. Das war schon ein Segen im Winter.

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Im Flachland braucht es einen motorisierten Schlitten

Fahren auf spiegelglatter Fahrbahn, sogar bei Eisregen, macht saumäßig Spaß. Wer kann schon von sich behaupten quer driftend mit dem Rad durch Kreisel zu donnern? Aber jetzt, in diesem Winter habe ich weder das Dreirad noch die Lust die Spikes aufzuziehen. Also schiebe ich wenn es zu glatt wird was bislang vielleicht 3-4 Mal vorkam.

Problem: Eigenheim und autofrei!

Wir wohnen in einem alten Haus mit Garten. Da fällt immer wieder mal was an. Mal muss die Terrasse neu beplankt werden, dann braucht es neue Möbel oder der Rindenmulch in den Beeten muss aufgefüllt werden. Das meiste lässt sich mit der Lastenrad – Hänger Kombi lösen. Sogar Regentonnen habe ich schon damit transportiert.

Aber manches geht halt nicht mit dem Rad, obwohl Roland und hinterher.com  schon an paar Lösungen parat haben, die meine Möglichkeiten erweitern würden.

Und für die unmöglichen Fälle muss halt immer ein Lieferdienst gefunden werden. Baumaterial, Möbel und dergleichen bekommt man Gott sei Dank fast immer von irgendwem geliefert.

Und was ist mit Urlaub?

Natürlich fahren wir gerne in den Urlaub. Aber auch hier muss sorgfältig geplant werden. Wir können nicht das erstbeste Hotel oder Apartment nehmen was uns gefällt. Erst muss gecheckt werden ob ein Supermarkt oder eine Bushaltestation in der Nähe ist. Sonst geht einfach viel zu viel wertvolle Freizeit bei der Nahrungsbeschaffung drauf.

Reden wir über Geld!

Ohne Auto spart man natürlich ordentlich Geld. Stimmt die Aussage? Bedingt! Natürlich muss ich nicht jeden Monat etliche €uro an irgendwelchen Zapfsäulen lassen. Aber ich muss eben auch an anderen Stellen mehr Geld ausgeben. Ich kaufe mir keine Fahrräder im Baumarkt. Da muss für mich und meine Kids was zuverlässiges qualitativ Hochwertiges her. Nimmt man meine Räder aus den vergangenen Jahren zusammen, kommt man schon auf einen kleinen fünfstelligen Betrag. Auch an Kleidung muss was Ordentliches her. Ich kann eben nicht mit der 30 € Jacke von C&A durch die Gegend fahren, sondern habe Sachen aus dem Outdoor / Wintersportbereich an. Ich kann auch nicht mal eben zu Ikea fahren und mir ein paar Regale kaufen. Die muss ich über den Onlineshop ordern, was meist 49 € Versand kostet. Wäre mit Auto natürlich billiger.

Was denken andere Leute?

Wenn man mal Freunde von Kindern zu Besuch hat wird es echt interessant, denn Kinder nehmen bekanntlich kein Blatt vor den Mund. „ Meine Mama sagt ihr seid arm weil ihr kein Auto habt“, „Ihr seid voll die Ökos sagt der Papa“.  Über sowas kann ich herzlich lachen, denn was andere über mich denken ist mir sowas von egal. Solange meine Kinder nicht so denken ist alles gut!

Fazit

Leben ohne Auto geht wirklich gut wenn die Umgebung passt. Ich sehne mich mittlerweile überhaupt nicht mehr danach. Dank unserer modernen Zeit ist es auch immer weniger wichtig.

Selbst wenn es mal dazu kommt, dass es autonome führerscheinfreie Autos gibt, würden wir uns wahrscheinlich keines kaufen.

 

10 Kommentare

  1. Hallo René,
    zunächst vielen Dank für Deinen Kommentar in meinem Blog. Es ist schön zu lesen, dass es Immer mehr autolose Familien gibt. Ich denke auch der Möbelkauf bei IKEA lässt sich meist mit dem Rad bewältigen, wenn wie in unserem Fall die nächste Filiale nur 5 Kilometer entfernt ist. Aber ich gebe Dir schon recht das Lieferdienste in einigen Fällen einfach nötig sind (Rindenmulch 😉). Insgesamt denke ich aber schon, das der Verzicht auf ein eigenes Auto nicht unerheblich Geld spart. Unser letztes Auto (bis 2014) hat in fünf Jahren 10.000 € an Wert verloren. Da gibt es immerhin zwei tolle Räder dafür.
    Gruß aus Augsburg
    Andreas

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