Manchmal sind es nicht die Hochglanz-Prospekte oder die berühmten Premiumzüge, die einen am meisten überraschen – sondern genau diese Fahrten, bei denen man vorher denkt: „Wird schon okay sein.“ Genau so ging es mir bei dieser Reise: Budapest nach Wien – mit RegioJet in der Relax Class. Ich bin mit RegioJet schon einmal gefahren und hatte damals eine These in den Raum gestellt: Preis-Leistung? Relax Class könnte die beste Klasse im ganzen RegioJet-Kosmos sein. Und diesmal wollte ich wissen, ob das wirklich stimmt – oder ob ich beim ersten Mal einfach nur Glück hatte.
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Schon der Start hatte dabei wieder diesen kleinen Running-Gag-Faktor: Wie beim letzten Mal verpasse ich fast die Einfahrt des Zuges. Nennt es Chaos, nennt es Timing – ich nenne es inzwischen liebevoll den „RegioJet-Fluch“. Immerhin: Die Anreise begann an einem Bahnhof, der für viele Reisende nicht der erste Budapest-Name ist, der ihnen einfällt: Budapest hat mehrere große Stationen – und diesmal war es Kelenföld. Am Morgen war ich in Nyugati mit dem Nachzug angekommen.
Ankunft, Gleis, Wagenreihung: Kommunikation, die man sich öfter wünscht
Bevor ich überhaupt im Sitz versinken kann, gibt’s schon den ersten Punkt, bei dem man RegioJet ehrlich loben muss: Kommunikation. Die Wagenreihung hatte sich geändert – und ich wusste das nicht, weil ich auf gut Glück am Bahnsteig herumgeraten habe, sondern weil RegioJet mir 14 Stunden vor Abfahrt eine Mail geschickt hat: neue Wagenreihung, klare Infos, kein Rätselraten. Zwar gab es keine Buchstaben-Bahnsteig-Zuordnung. Es hieß salopp: Dein Wagen ist der 2. nach der Lok.
Das klingt banal – ist es aber nicht. Gerade auf internationalen Strecken (oder bei kurzfristigen Umstellungen) endet das bei manchen Anbietern gerne in „Mal schauen, wo es hält“. Hier war’s anders: Ich steige in Wagen 6, Platz 94 ein – und das klappt ohne Stress.
Was ist die Relax Class überhaupt?
Die Relax Class ist bei RegioJet eine Stufe unter der Business Class. Und genau da wird’s spannend, weil das Wort „unter“ hier nicht „deutlich schlechter“ heißen muss.
- Business Class: häufig in Vierer-Abteilen (also eher „geschlossen“, mehr Ruhe, mehr „Abteil-Feeling“).
- Relax Class: 2–1 Bestuhlung im Großraumwagen.
Und diese 2–1 Bestuhlung ist ein echter Komfort-Hebel. Du sitzt nicht Schulter an Schulter wie in klassischen 2–2-Layouts. Stattdessen wirkt alles luftiger, entspannter – und du hast das Gefühl, dass der Wagen für weniger Leute gemacht ist. Dazu kommen:
- Großzügige Ledersitze
- Viel Beinfreiheit
- Steckdose am Platz
- Verstellbare Rückenlehne
- Und: ein riesiger Tisch – wirklich so groß, dass ich kurz überlegen musste, ob das noch ein Zugtisch oder schon ein kleiner Konferenztisch ist.
Kleines, aber feines Detail, das ich liebe: Man kann das Fenster aufmachen. Das ist heute fast schon ein nostalgischer Luxus und macht – je nach Wetter – erstaunlich viel aus, wenn man frische Luft will oder einfach dieses „Zuggefühl“ mag.

Abfahrt 11:58 – und direkt Service wie im „richtigen“ Fernverkehr
Pünktlich um 11:58 Uhr geht es los Richtung Wien. Der Zug fährt mit einigen Halten zum Wiener Hauptbahnhof und danach weiter nach Prag. (Nebenbei: Wien–Prag ist landschaftlich wirklich ein Highlight – absolute Empfehlung, wenn ihr Strecke und Aussicht mögt.)
Was mich fast immer interessiert – gerade bei privaten Anbietern – ist der Moment nach der Abfahrt: Kommt da jetzt Service oder kommt da Marketing? In der Relax Class ist es ziemlich klar: Service kommt. Kurz nach dem Losfahren:
- Wasserflasche für alle
- Die Zugbegleiterin nimmt Bestellungen auf
- Alles wirkt routiniert und freundlich
Und jetzt kommt der Punkt, der RegioJet in meiner Wahrnehmung wirklich besonders macht: Sie bieten Onboard-Service an, ohne die Preise so zu kalkulieren, als wäre es ein Flughafen-Bistro. Anders gesagt: RegioJet hat scheinbar nicht das Bedürfnis, jeden Kaffee zur Goldanlage zu machen.
- Kaffee? Umsonst!
- Ein Stück Kuchen? Nicht mal einen Euro!
- Snacks? Günstiger als 5 Kilometer um jeden Bahnhof herum!
Ich bestelle mir einen Kaffee – rund zehn Minuten später steht er am Platz. Und in der Relax Class ist das nicht mal ein „extra“, sondern: Kaffee und Wasser sind inklusive.
Der Ticketpreis: Der Moment, in dem du zweimal hinschaust
Jetzt der Teil, bei dem viele vermutlich sofort die Augenbrauen hochziehen – ich jedenfalls habe es getan:
- Economy/Low Cost (10 Tage vorher gebucht): 15,90 €
- Upgrade in die Relax Class: +3 €
- Macht: 18,90 € für Budapest → Wien
Für eine Fahrt von über zwei Stunden, mit spürbar mehr Platz, Ledersitz, 2–1 Bestuhlung und inkludierten Getränken ist das… sagen wir mal vorsichtig: ungewöhnlich. Und das ist genau der Punkt, warum ich immer wieder sage: Wenn man Preis-Leistung im Bahnverkehr diskutiert, ist RegioJet ein Anbieter, den man nicht ignorieren sollte.
Vergleich mit ÖBB und Railjet: Ähnliche Zeit, ganz andere Welt beim Preis
Der Vergleich drängt sich auf, weil die Fahrzeiten ähnlich sind: Der Railjet bringt dich auf der Relation Budapest–Wien ebenfalls schnell ans Ziel. Aber beim Preis wird’s spannend:
- RegioJet Standardklasse: 15,90 € (10 Tage vorher)
- ÖBB für eine vergleichbare Uhrzeit: fast das Doppelte
- RegioJet Relax Class: 18,90 €
- ÖBB 1. Klasse: in meinem Beispiel über das Vierfache
Und der kleine „Aha“-Moment: Bei der ÖBB sind Getränke nicht automatisch inklusive wie hier bei RegioJet in der Relax Class. Das ist kein ÖBB-Bashing – das ist einfach ein Unterschied im Produkt- und Preismodell. Die Frage ist nur: Was willst du als Reisender? Maximale Marke/Standardisierung? Oder maximalen Gegenwert pro Euro?
Ein kleiner Haken: WLAN – leider kaum zu gebrauchen
So fair muss man sein: Es gibt auch Punkte, die nerven. In meinem Fall war das ganz klar das WLAN. Ich weiß, dass Mobilfunkabdeckung und Strecke eine Rolle spielen. Aber selbst wenn der Mobilfunk eigentlich okay wirkt: Das RegioJet-WLAN war auf dieser Fahrt praktisch nicht nutzbar.
Wer also plant, im Zug zuverlässig zu arbeiten, Videocalls zu machen oder große Dateien hochzuladen: Darauf würde ich mich hier nicht verlassen. Wenn es klappt – super. Wenn nicht – sei vorbereitet (Hotspot, Offline-Downloads, etc.).
Das Regiojet Video
Natürlich habe ich auch wieder Videoaufnahmen von meiner Fahrt gemacht. Alles könnt ihr hier einsehen:
Service-Frequenz: nett gemeint, manchmal ein Tick zu oft
Was mir schon bei der Business-Class-Fahrt aufgefallen ist und sich hier wieder zeigt: Die Zugbegleiterin kommt öfter durch den Wagen, fragt nach Bestellungen, ob alles passt, ob Müll entsorgt werden soll. Grundsätzlich: vorbildlich aufmerksam.
Aber: Da keine Mülleimer am Sitz sind, entsteht schnell eine Routine aus „Müll?“ – „Nein, danke“ – „Müll?“ – „Nein, danke“. Das ist Jammern auf hohem Niveau, klar. Trotzdem: Ein kleines bisschen weniger „Durchhuschen“ und dafür ein einfaches Abfallkonzept am Platz wäre für mich die perfekte Mischung.
RegioJet kann nicht nur Zug: Busse als „Hidden Feature“
RegioJet ist nicht nur Bahn – sie haben auch komfortable Busverbindungen, teils ebenfalls mit 2–1 Bestuhlung und Ledersitzen. Für viele aus Deutschland ist z. B. die Verbindung Richtung Prag interessant – und bei mir steht schon ewig eine Route ganz oben auf der Liste: Prag nach London (über Nacht). Die fährt allerdings nicht täglich und hält auf der Route nicht in Deutschland – der erste Stopp ist morgens gegen 6 Uhr in Brüssel. Irgendwann passt es zeitlich – und dann wird das definitiv ein Thema.
Kommt RegioJet nach Deutschland? Drei Anläufe – und ein „trockener“ Showstopper
Die Frage taucht immer wieder auf: Sehen wir RegioJet irgendwann mit eigenen Verkehren in Deutschland? Spannend ist: Es gab in der Vergangenheit mehrere Anläufe – und sie scheiterten nicht unbedingt an „Wollen wir nicht“, sondern häufig an Realität.
Versuch 1: Nachtzug Richtung Westen (Prag–Berlin–Brüssel)
Das Konzept war reizvoll: Ein Nachtzug von Prag über Berlin bis nach Brüssel. Und ja: Das klingt euch vielleicht bekannt, weil European Sleeper in frühen Planungen mit RegioJet zusammenarbeiten wollte. Das hätte bedeutet: gelbe Liegewagen von RegioJet in Berlin – und damit weiter Richtung Amsterdam und Brüssel.
Am Ende kam es anders: Stattdessen kommen teils sehr alte Wagen von EuroExpress und TRI zum Einsatz. Ob RegioJet hier ein „Upgrade“ gewesen wäre, kann ich nicht final bewerten – ich kenne bisher nur die Tagzüge aus eigener Erfahrung.
Versuch 2: München–Bukarest (der „Walachei“-Plan)
Der zweite Plan war fast schon episch: München bis Bukarest – der längste Nachtzug Europas. Genau solche Projekte scheitern aber oft an der Komplexität: zu viele Länder, zu viele Infrastrukturbetreiber, zu viele Zulassungen, zu viele potenzielle Störfaktoren. Wenn irgendwo ein Baustein nicht passt (Fahrplan, Lok, Wagen, Personal, Grenzthemen), fällt das Kartenhaus zusammen, bevor der erste Zug überhaupt vermarktet ist.
Versuch 3: Prag–Dresden–Berlin (eigentlich logisch, aber…)
Der dritte Plan klang am logischsten: Prag über Dresden nach Berlin. Hohe Nachfrage, touristisch stark, wirtschaftlich relevant, perfekter Wettbewerbsimpuls.
Der Showstopper war am Ende dieses unfassbar trockene Wort, das im Bahnalltag alles entscheidet: Trassenverfügbarkeit. Also: die attraktiven Fahrplanlagen, die du bekommst – oder eben nicht bekommst. In Deutschland mit dem überlasteten Netz ist das ein echtes Problem. Wenn du nur unattraktive Slots bekommst oder Umwege fahren musst, killt das das Geschäftsmodell eines privatwirtschaftlichen Anbieters ziemlich schnell.
Trotzdem: Die Deutschland-Idee lebt
RegioJet hat Deutschland weiter im Blick. Es gibt Hinweise auf eine geplante Verbindung München–Budapest mit möglichem Start im Dezember 2026. Außerdem wurde regulatorisch vorgebaut – Stichwort Sicherheitszertifikat – was grundsätzlich neue Verkehre durch/ab Deutschland ermöglichen kann. Ob und wann daraus Realität wird, hängt aber am Ende wieder stark an: Trassen, Fahrplanlagen, Umsetzbarkeit.
Wo RegioJet heute fährt: Tagzüge, Polen und Nachtzüge
RegioJet ist heute u. a. auf Tagzugrelationen zwischen Budapest, Wien und Prag unterwegs – außerdem Richtung Košice und nach Polen, z. B. nach Krakau, Warschau oder Przemyśl.
Bei den Nachtzügen gibt es aktuell Verbindungen u. a. von Prag nach Košice, nach Chop sowie nach Przemyśl an die polnisch-ukrainische Grenze – also nah zur Ukraine. Einen dieser Nachtzüge wollte ich eigentlich auf dieser Reise ausprobieren, habe die Pläne dann aber verworfen – aus gutem Grund: Es wartet ein anderes Ziel in dieser kleinen Serie, das deutlich mehr Zeit und Nerven kosten wird.
Saisonal gab es bis 2023 auch einen touristischen Nachtzug von Prag bis nach Rijeka an die Adria. Der wurde eingestellt – u. a. wegen hoher Verspätungen/baustellenbedingter Unzuverlässigkeit und wegen einer stärkeren Ausrichtung des Geschäfts Richtung Ukraine. Und bevor das in Kommentarspalten eskaliert: Man kann das schade finden und trotzdem sachlich bleiben.
Rollmaterial: Wem gehören die Wagen – und was steckt technisch drin?
Spannend ist auch: RegioJet besitzt sein Rollmaterial. Anders als Flixtrain, das stark als Plattform/Betreiber-Modell wahrgenommen wird, hat RegioJet eine große Flotte (grob um die 400 Wagen). Es ist eine Mischung aus modernisierten, klimatisierten ehemaligen Wagen aus Deutschland und Österreich (bis 200 km/h zugelassen) und einigen Neubauten vom rumänischen Hersteller Astra Vagoane Călători.
Gezogen werden die Züge je nach Einsatz mit modernen Loks – häufig TRAXX-Lokomotiven (Bombardier TRAXX) oder – wie in meinem Fall – mit einer schicken Siemens Vectron.
Bei den Nachtzügen kommen ebenfalls ältere Liegewagen aus Beständen von ÖBB und DB zum Einsatz. RegioJet hatte zudem einmal 13 ehemalige ÖBB-Schlafwagen angeschafft, die nach einem Unfall im Sommer 2024 aus Sicherheitsgründen aus dem Verkehr gezogen wurden (dazu hattest du ja bereits den passenden Artikel-Link in der Videobeschreibung vorgesehen).
Buchung: überraschend angenehm – und Sitzplatzwahl ohne Aufpreis
Gebucht wird am besten direkt bei RegioJet. Die Website ist auf Deutsch verfügbar, übersichtlich aufgebaut – und du kannst deinen Sitzplatz bequem über eine Wagenskizze auswählen. Dank Reservierungspflicht ist das in der Praxis ohnehin gesetzt – der positive Teil: Die Auswahl ist kostenfrei.
Fazit: Warum ich die Relax Class so stark finde
Nach dieser Fahrt würde ich meine These nicht nur wiederholen – ich würde sie sogar etwas zuspitzen:
- Für sehr wenig Geld bekommst du sehr viel Komfort.
- 2–1 Bestuhlung + Ledersitz + Steckdose + großer Tisch ist auf dieser Strecke ein echtes Brett.
- Getränke inklusive (Kaffee/Wasser) machen den Deal rund.
- Service wirkt aufmerksam und „fernverkehrig“.
- Der größte Dämpfer ist das WLAN – und kleine Komfortdetails wie fehlende Mülleimer am Platz.

Unterm Strich bleibt: Wenn du bahnaffin bist oder einfach neugierig auf Alternativen zu klassischen Staatsbahnen – probier RegioJet aus. Und ja: Eine Fahrt ist immer eine Momentaufnahme. Vielleicht hatte ich zweimal Glück. Vielleicht ist es woanders/zu anderen Zeiten anders. Genau deshalb interessieren mich eure Erfahrungen: Wie war’s bei euch?
Und zum Schluss: Natürlich setzt sich der RegioJet-Fluch fort. Kaum will ich die Abfahrt Richtung Prag filmen, kommt genau in dem Moment ein Anruf. Timing ist wirklich eine Kunst. In diesem Sinne: gute Fahrt – bis zum nächsten Mal.
FAQ zur RegioJet Relax Class (Budapest–Wien)
1) Lohnt sich die Relax Class im Vergleich zur Low Cost/Economy?
Wenn das Upgrade – wie hier – nur wenige Euro kostet, lohnt es sich fast immer: mehr Platz, 2–1 Bestuhlung, besseres „Reisegefühl“.
2) Sind Getränke in der Relax Class wirklich inklusive?
Auf dieser Fahrt waren Kaffee und Wasser inklusive. Je nach Tarif/Leistungsumfang kann es Unterschiede geben – im Zweifel beim Ticket/Angebot checken.
3) Wie ist der Sitzkomfort in der Relax Class?
Sehr gut: Ledersitze, viel Beinfreiheit, verstellbare Lehne und ein ungewöhnlich großer Tisch am Platz.
4) Funktioniert das WLAN zuverlässig?
In meinem Test: leider nein. Es war praktisch nicht nutzbar. Wer arbeiten will, sollte Offline-Plan B haben.
5) Wie schlägt sich RegioJet preislich gegen ÖBB/Railjet?
In meinem Vergleich war RegioJet deutlich günstiger – bei ähnlicher Fahrtzeit. Besonders auffällig: Relax Class war extrem preiswert gegenüber ÖBB 1. Klasse.
6) Gibt es Mülleimer am Platz?
Nein, nicht direkt am Sitz. Das führt dazu, dass die Crew öfter nach Müll fragt.
7) Wo bucht man RegioJet am besten?
Am sinnvollsten direkt bei RegioJet, weil du dort Sitzplätze über die Wagenskizze auswählen kannst (und das dank Reservierungspflicht in der Regel ohnehin dazugehört).
8) Kommt RegioJet nach Deutschland?
Es gab mehrere Anläufe; der Knackpunkt war oft die Trassenverfügbarkeit. Hinweise auf geplante Verkehre (z. B. München–Budapest) existieren, ob/ab wann es wirklich passiert, hängt stark von Fahrplanlagen ab.