ICE Evakuierung – Gedenken an Unbekannt

rene Allgemein , , , , , ,

Ich habe lange überlegt ob ich wirklich hierüber schreiben soll, ob es ethisch vertretbar ist, bzw. ob es überhaupt Thema im Blog sein sollte. Schlussendlich möchte ich darüber schreiben, da mir dieses Ereignis noch ziemlich lange im Gedächtnis bleiben wird. Es beschäftigt nicht nur mich, sondern, denke ich, alle die mit uns im selben Waggon saßen. Ein nachdenklicher Bericht über unsere ICE Evakuierung

Da denkst du an nichts Böses

Es fing eigentlich ziemlich entspannt an. Freitagnachmittag, meine Familie und ich sind auf dem Weg nach Süddeutschland um Verwandte über ein verlängertes Wochenende zu besuchen. Die Busse sind pünktlich, unser erster Zug ist es ebenso, alles wie es sein sollte.

In Hannover erwischen wir gemütlich unseren ICE 3 in Richtung München. Wir sitzen mit einer Handvoll Mitreisender im Triebwagen und starten (auch pünktlich). WLAN funktioniert, Steckdosen gibt es auch, dementsprechend sind die Kids mit den Tablets beschäftigt, das könnten zwei ruhige Stunden bis zum Umstieg in Würzburg werden.

Doch in Höhe Sarstedt ist es plötzlich vorbei mit der Ruhe. Ein lauter dumpfer Schlag hallt durch den Triebwagen, einen sekundenbruchteil später leitet der Lokführer eine Notbremsung ein. „Wir haben etwas gerammt. Das war nicht normal“, „Wir haben jemanden überfahren“, „Oh Gott, was war das für ein Knall?“, solche, oder so ähnliche klingende Sätze fliegen durch den Raum.

Ungefähr zwei Kilometer hinter dem Ort des Geschehens kommt unser Zug zum Stehen, mitten auf einer kleinen Brücke zwischen vieler kleinerer Seen  —  Stille

Traurige Gewissheit

Es verstreichen einige Sekunden bis sich eine brüchige Stimme vom Führerstand über die Lautsprecher meldet: „Meine Damen und Herren, wir hatten eben einen Personenunfall. Unsere Weiterfahrt verzögert sich auf unbestimmte Zeit“, Ende der Durchsage.

Einer der Zugbegleiter eilt schnellen Schrittes durch den Zug, sein Telefon am Ohr: „Ja, ich habe deine Durchsage gehört, ich komme zu dir“. Draußen setzt langsam die Dämmerung ein, es regnet leicht und in der Ferne kommt eine Kette aus Blaulichtern, schlängelt sich den Weg zwischen den Teichen zu uns durch.

ICE Evakuierung
Feuerwehr an der ICE Strecke Hannover Göttingen

Der Lokführer sitzt mittlerweile nicht mehr im Führerstand, sondern im Ruheabteil direkt dahinter. Er wird sich bis zu unseren endgültigen ICE Evakuierung nicht mehr vom Platz rühren. Man möchte sich gar nicht ausmalen was er gesehen hat, noch jahrzehntelang vor seinem geistigen Auge sehen wird.

Einleitung der ICE Evakuierung

Wieder verstreicht ein wenig Zeit. Draußen laufen Rettungskräfte auf den mittlerweile gesperrten Gleisen auf und ab, kommen in den Zug und kümmern sich um den Lokführer.

ICE Evakuierung
Rettungskräfte suchen die Strecke ab

„Meine Damen und Herren, unser Zug ist nicht mehr fahrbereit. Es wird ein weiterer ICE zur Evakuierung  angefordert. Wann dieser hier sein kann, kann ich ihnen nicht genau sagen. Erfahrungsgemäß dauern solche Einsätze 1-4 Stunden. Bitte holen sie sich Getränke im Bordbistro“.

Nach dieser Durchsage besteigt die Feuerwehr unsern Zug und läuft einmal den gesamten Zug ab um nach den Fahrgästen zu schauen. Das ist natürlich ein Erlebnis für meine Kids. Etwas später kommt die Polizei Hildesheim und befragt in den ersten Wagen, ob jemand etwas gesehen / bemerkt hat. Aber außer dem Knall kann niemand etwas zum Unfall berichten.

ICE Evakuierung
Die Feuerwehr fragt nach Verletzten

Das schwierige an einer ICE Evakuierung

Einige Stunden später, es ist mittlerweile komplett dunkel geworden, steht ein Ersatzzug auf dem Gegengleis. Bevor aber die Züge auf dieselbe Höhe gebracht werden können und Rettungsstege zwischen den Zügen gebaut werden können, läuft die Feuerwehr nochmal alles ab und sucht nach sterblichen Überresten und baut Lichtmasten an den vorgesehenen Rettungsausgängen auf.

Die Ausrichtung der beiden Züge sei schwierig, da wir in einem gekoppelten ICE 3 (Zugteil aus Bremen und Hamburg)sitzen und der Ersatzzug aus einem ICE 2 besteht. Zusätzlich erschwerend sei, dass im hinteren Teil ein Kinderwagen und ein Rollstuhl sein. Kein Spielraum also für die Rettungsstege. Hier kommt es auf Zentimeter an.

Aber nach vier Stunden Standzeit ist es dann endlich soweit. Wir dürfen alles einpacken und begeben uns in den hintersten Wagen unseres Zugteils. Ansage des Zugbegleiters: „Bitte unterlassen Sie es Fotos oder Filmaufnahmen von dem Überstieg anzufertigen. Wir wollen eine reibungslose und zügige Evakuierung. Wir können es jetzt nicht gebrauchen, dass noch jemand ins Gleisbett fällt“.

Wer trotzdem ein Foto der Rettungsstege sehen möchte, kann sich hier den Feuerwehrbericht mit Bild ansehen.

Fahrgastrechte, Sorry und Hotelübernachtung

Im neuen Zug sind wir so „dreist“ und setzen uns in die erste Klasse. Nicht weil wir uns irgendwelche Vorteile erschleichen wollten, sondern weil es einfach der erste Wagen mit freien Plätzen war. Um ca. 20:30 Uhr setzen wir uns wieder in Bewegung Richtung Süden. Endlich geht es weiter.

ICE Evakuierung
Sorry Karte der Bahn

Die Zugbegleiter verteilen Fahrgastrechte und Sorry Karten an alle Reisenden. Letztere kann man einschicken und erhält ein kleines Präsent aufgrund der Verspätung. Leicht zynisch, dass man von der Bahn noch ein Geschenk bekommt weil jemand sein Leben beendet hat.

ICE Evakuierung

Im Laufe der Fahrt wird klar, dass wir unseren Zielbahnhof nicht mehr vor Mitternacht erreichen werden können. Wir werden wohl oder übel in Würzburg übernachten müssen. Aber dazu mehr im nächsten Blogartikel.

Dank und Gedenken

Zum Abschluss möchte ich mich bei den Zugbegleitern und den Rettungskräften bedanken, die in dieser angespannten Situation Nerven bewiesen haben und immer freundlich und ruhig geblieben sind. Hut ab für eure Leistung! Dem Lokführer wünsche ich, dass er das Erlebte gut verkraftet und bald wieder Lächeln kann.

Und dem armen Opfer möchte ich sagen: Hoffentlich hast du jetzt den Frieden gefunden, denn du im Leben vergeblich gesucht hast. Ich hätte mir für Dich einen anderen Weg gewünscht, hätte dir gewünscht, dass Du professionelle Hilfe in deiner lebensmüden Situation gefunden hättest.

Ruhe in Frieden!

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